Goemon5: The Celtic Ninja Blog
Goemon
Goemons Gruseliges Tagebuch

In dieser Ecke werde ich in unregelmäßigen Abständen (sobald ich eine Eingebung habe und über die Zeit verfüge dieser zu folgen) markante Erlebnisse meines bescheidenen Lebens niederschreiben.

 Die zeitliche Abfolge folgt übrigens den geologischen Regeln: die ältesten Daten befinden sich im liegenden (unten) und da die Geschichten teilweise aufeinander aufbauen, sollten sie von unten nach oben gelesen werden.
Texte von 2006 und 2007 befinden sich hier.

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Dienstag

2.3.2010

Der Sinn des Lebens (2)

Heute habe ich mir den Abend mal frei genommen. Jene Entscheidung hat sich im Nachhinein für mich persönlich als phantastische Einzelleistung herausgestellt, für die mich umgebenden Laienkomiker vom Global Village Council eher als desaströs. Aber der Reihe nach ... Zuvorderst habe ich Dienstagabend freilich immense Verpflichtungen.

Ich wohne ja mittlerweile seit gut einem halben Jahr in Global Village, dem neuesten und schönsten bewohnbaren Gebäude rund um die University of Calgary. Seitdem sich mein Zimmernachbar Anfang des Jahres verabschiedet hat und in den vierten Stock zog, ist es hier auch relativ ruhig geworden, was meinem eigenen Wohlbefinden nachhaltig zu Gute kommt. Nun kann man ja einen neuen Wohnkomplex auf dem Campus nicht einfach so nebenher betreiben, da muss man schon ein paar gewiefte Führungspersönlichkeiten anwerben die dann freiwillig und unbezahlt den Aufsichtsrat der hauseigenen Kommune bilden und hernach allen Hausbewohnern das Leben verschönern. Dieser Rat heißt wenig überraschend Global Village Council (GVC), und da sich hier im Haus eine beachtliche Zahl von mentalen Flachzangen herumtreibt, habe ich mich kurzerhand zum Vorsitzenden dieses Haufens wählen lassen. Zwar teile ich mir diese Position mit meinem ehemaligen Apartment-Genossen Salim, aber unser Vollspacko aus dem mittleren Osten hat ehedem viel zu wenig Verantwortungsgefühl um hier wirklich als Führer durchzugehen. Außerdem habe ich dank deutscher Abstammung einen Ruf zu verteidigen, aber das können wir ein anderes Mal besprechen ...

Jetzt leite ich jedenfalls die Dienstägliche Versammlung des GVC und habe sogar einigermaßen Spaß dabei. Der Fauxpas ist natürlich, dass ich wöchentliche Anwesenheit zeigen muss, im Körper wie auch im Geiste. Das sieht inzwischen durch mein anschließendes Treffen mit dem Team NRG relativ effizient aus, aber dennoch, all der Spaß ist mit Arbeit verbunden und meine Mitarbeit ist leider unerlässlich. Das mag ein wenig egozentrisch klingen, ist aber scheinbar nicht zu ändern und sogar wahr. Heute nahm ich mir einfach mal ungefragt frei, blieb beiden Versammlungen fern und besuchte stattdessen meine gute Freundin und Dauerinspiration Amy Thiessen im Oolong Tea House (Kensington, Calgary). Der Effekt auf meine treuen Gefolgsleute vom GVC ist schnell erzählt und wenig überraschend: nix passiert. Nee, wirklich nix. Dass Salim (der spastische Turnbeutel mit dem ich mir theoretisch meinen Posten teile) nicht auf die Idee kam, nach drei Mitteilungen meinerseits doch mal zur Sitzung zu erscheinen, wurde meinerseits nicht anders erwartet. Ich mache mir schon lange keine Sorgen mehr darum, dass diese alternative Tranfunzel mir den Posten streitig machen könnte. Egal, enttäuschend ist eher die völlige Absenz jeglicher Produktivität im übrigen GVC-Rat. Da kann man Einladungen, Nachrichten und Themennotizen verteilen wie man will, wenn nicht mindestens ein mit Weisheit gestärkter Hobby-Diktator die Führung übernimmt, schlägt die Anarchie Purzelbäume. Da werde ich kommenden Dienstag wohl erstmal ein paar Kollegen zusammenstauchen müssen ...


Ein Abend in Kensington

Doch zurück zu mir und meiner eigensinnigen Entspannungskur. Amy Thiessen, passionierte wie talentierte Sängerin, leitet also jeden Dienstagabend eine kleine Runde "offenes Mikro" im Oolong Tea House. Zumeist sieht das so aus, dass Amy gut vierzig Minuten singt, die restlichen Anwesenden zuhören und mit der verrinnenden Zeit diverse weitere Klangkünstler aus dem Großraum Calgary hereintrudeln, die dann ihrerseits zu Mikro und Gitarre greifen. Da sich die Qualitäten jenes Abends schnell herumsprachen ist für gewöhnlich gegen zehn nach sieben kein besetzter Stuhl mehr frei im Oolong. Auch lockt Amys Anwesenheit einige überaus begabte Künstler ins Tee-Häuschen, weshalb ich meinen Dienstagabend inzwischen sehr gern hier verbringe (zumindest an jenen seltenen Tagen die nicht durch Ratssitzungen bestimmt werden). Aber heute kam einiges anders.

Wenn die ersten Ermüdungserscheinungen einsetzten, fragt Amy für gewöhnlich nach aufstrebenden Talenten die das Mikro übernehmen wollen, und da musste ich jetzt einfach mal die Hand heben, zum Erstaunen aller, da ich normalerweise nur als begeisterungsfähiger Konsument bekannt bin. Nachdem sich die unumgängliche Verblüffung aufgelöst hatte und Amy die Gitarre abgelegt, durfte ich mich nun auf dem vorgewärmten Platz hinter dem Mikrofon niederlassen und die Runde von Teetrinkern unterhalten. Es gab kein Zurück. Was also trägt man vor, wenn die eigenen Lieder noch Wochen oder Monate von veröffentlichungswürdigem Format entfernt sind und gesprochene Lyrik auf eine unüberwindbare Sprachbarriere aufläuft? Ich konnte ja nun schlecht aus meinem Buch lesen. Auch bei feinster Modulierung meines sinnig dosierten Humors ruft gesprochenes Deutsch im Kreise englischer Zuhörer doch eher Unverständnis denn Begeisterung hervor. Da blieb also nur singen und weil eigentlich jeder A'Capella und Oper mag (Ja, auch du, es gibt kein Entrinnen vor der Magie vollendeter Vokalakrobatik), entschloss ich mich also, eines meiner Lieblingswerke von José Carreras zu rezitieren. Ich fand die Idee super; was die restlichen fünfzehn Teilnehmer davon hielten, war für den Moment eher nebensächlich.


Die Stunde der Wahrheit

Zugegeben, wenn man seit Jahren nicht vor Publikum gesungen hat, ist der initiale Gedanke vor einem realen, interessierten Auditorium zu präsentieren doch eher unbehaglich, gerade wenn solche ausgesprochenen Größen wie Amy auf den Zuhörerstühlen sitzen. Aber was der Goemon verspricht, das hält er auch, also sang ich volltonig in den Raum hinein ... und war für kurze Zeit ehrlich verblüfft und hernach verzweifelt ungewiss über den allgemeinen Anklang meiner Vorstellung. Nach kaum zwei Strophen war das allgemeine Gebrummel des Teehauses inklusive der obligatorischen Küchengeräusche verstummt. Das einzige Geräusch das sich mir neben dem eigenen Gesang und besonders in den kurzen Atempausen ans Trommelfell schmiegte, war das leise statische Rauschen des Verstärkers zu meiner Linken. Es gab also für alle Beteiligten nur noch mich und meine Stimme, und das kann man ja schon mal leichtfüßig als Kompliment auslegen.

Alles in allem war mein Vortrag, auch wenn ich mich nur noch lückig daran erinnere, ein durchweg gelungener. Zumindest kann ich mir jetzt ganz sicher sein, dass mein Gesangstalent keine Einbildung ist. Ich denke, der Meinung von vier gestandenen Musikern kann ich in dieser Beziehung vertrauen. Was auch immer aus jener Talentoffenbarung und den damit assoziierten Erfahrungen geschehen mag, eine Erinnerung bleibt mir noch lange erhalten: die erstaunten Gesichter jener Zuhörerschaft und die damit verbundenen Stille im ansonsten sehr lebhaften Oolong Tea House. Ein Kompliment das längst nicht jedem zu Teil wird.

So habe ich also auch ohne Gottesglauben, Götzenanbetung und anderen Demenz-ähnlichen, Priestergesteuerten Verwirrungszuständen zumindest in meiner Existenz einen realen Sinn gefunden: "Gib mir Musik!" (Reinhard Mey, Leuchfeuer)

PS.: Die Gelegenheit lässt sich vortrefflich nutzen um jene Liedermacherin zu introduzieren, die ich über alles schätze und ehre. Mein lyrischer Fels in ignoranter Brandung. Mein ideelles Bildnis vom Mensch als Teil einer verantwortungsbewussten Gesellschaft. Mein reeller Schnittpunkt von multidimensionaler Verwirrung, mehrdeutiger Liedharmonie und simpler wie auch revolutionärer Grundintention. Die einzigartige Annabelle Chvostek.

Sinn des Lebens


FolkAlley